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Homeoffice belastet Hirn und Hintern

18.12.2020 – Bisher haben die Mitarbeiter klaglos mitgespielt, beugen sich dem Pandemie-Diktat und arbeiten in den eigenen vier Wänden. Zum Jahresende zeigen sich erste Verschleiß-Erscheinungen: Sie reichen von mehr Speck auf den Hüften bis zu psychischen Belastungen und Zukunftsängsten. Die NAG fordert mehr finanzielles Engagement von den Arbeitgebern für ihre Belegschaften.

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Die Coronakrise und ihre Folgen zerren an den Nerven. Aus dem Homeoffice-Sprint im Frühjahr ist mittlerweile ein Marathon geworden. Wann Beschäftigte wieder ins Büro und zu ihren Kollegen zurückkehren können, ist in der zweiten Covid-19-Welle offen.

Eine Umfrage der Unternehmensberatung EY Real Estate GmbH, über die Spiegel.de zuerst berichtete, zeigt, dass es für die Mitarbeiter keine Homeoffice-Euphorie gibt. Die Hälfte der 1.000 Befragten wünscht sich eine Mischform. Ein oder mehrmals die Woche würden sie gern zuhause arbeiten, und an den anderen Tagen in die Firma kommen.

Betriebswirtschaftlich scheint sich der durch die Pandemie erzwungene Umzug der Belegschaft bereits gelohnt zu haben. Je besser die Umstellung auf Homeoffice geklappt hat, desto positiver war das für die Produktivität.

Aussagen der Debeka Versicherungen, der Ergo Group AG, der Gothaer Versicherungen und der Zurich Gruppe Deutschland zeigen, dass Mitarbeiter 2020 auf einem ähnlichen Niveau Leistungen erbrachten, wie im Vorjahr ohne Corona (VersicherungsJournal 24.11.2020).

Erste Probleme identifiziert

Nicht umsonst denken Versicherer wie Allianz, Barmenia oder Nürnberger über neue Beschäftigungsformen nach und welchen Raum Heimarbeit künftig einnehmen soll (Medienspiegel 26.6.2020, 10.8.2020, 13.8.2020).

Der Staat ist für diesen Ansatz durchaus offen und will ihn sogar fördern. Wer von zu Hause aus arbeitet, soll das künftig über eine Tagespauschale leichter steuerlich geltend machen können. Eine entsprechende Regelung befindet sich im parlamentarischen Verfahren.

Trotz aller Begeisterung für Homeoffice zeichnen sich auch erste Problemfelder ab. Eine aktuelle Studie der Organomics GmbH zeigt, dass die Führungskräfte noch Nachholbedarf haben. Sie haben mit der räumlichen Distanz zu ihren Mitarbeitern Probleme und fühlen sich teilweise von der Ausnahmesituation überfordert (7.12.2020).

Figur und Seele leiden unter Covid-19-Homeoffice

Aber nicht nur das Management ist belastet, auch die Beschäftigten haben mit persönlichen Herausforderungen zu kämpfen. Einerseits geht die Coronakrise auf die Hüften: Durch Heimarbeit und Bewegungsmangel nehmen die Deutschen zu, wie eine Auswertung der Check24 Vergleichsportal für Vorsorgeversicherungen GmbH zur Risikolebens-Versicherung zeigte (6.8.2020).

Einen Grund für die Gewichtszunahme führte eine Umfrage der Süddeutsche Krankenversicherung a.G. (SDK) und der Mhplus Betriebskrankenkasse im April an: Viele Arbeitnehmer improvisieren und ernähren sich am heimischen Arbeitsplatz ungesünder (29.4.2020).

Auf der anderen Seite ist die Isolation in den eigenen vier Wänden für die Psyche eine Herausforderung. Ein Drittel der deutschen Arbeitnehmer gibt an, dass sich die Arbeit zu Hause negativ auf ihre seelische Gesundheit auswirkt.

Das zeigt eine internationale Umfrage des Industrieversicherers QBE Insurance Group. Gemeinsam mit den Marktforschern von Opinium interviewte die Gesellschaft online jeweils 1.000 Arbeitnehmer zwischen 18 und 55 Jahren im November in Deutschland, Schweden, Spanien, Frankreich und Italien.

Corona steigert Ängste von Mitarbeitern

Ein Viertel (24 Prozent) der deutschen Befragten erklärt, derzeit mit psychischen Belastungen zu kämpfen. 16 Prozent haben deshalb bereits Fehler bei der Arbeit gemacht. Insbesondere jüngere Mitarbeiter zwischen 18 bis 35 Jahren fühlen sich aufgrund der Pandemie unter Druck gesetzt und haben Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren (37 Prozent).

Drei von zehn (31 Prozent) Beschäftigten geben an, dass sie Angst haben, die Offenlegung von psychischen Gesundheitsproblemen gegenüber ihrem Arbeitgeber könnte ihre Karriere gefährden. Und für 27 Prozent ist es bereits eine Herausforderung, sich zu Hause ein geeignetes Arbeitsumfeld zu schaffen.

Zum Vergleich, ein Blick auf unsere europäischen Nachbarn: In Schweden gibt sogar über die Hälfte (52 Prozent) der Mitarbeiter an, dass sie durch Covid-19 psychisch belastet sei. Jeweils ein Drittel der französischen (34 Prozent) und italienischen (32 Prozent) Befragten empfindet die Home-Office-Situation ebenfalls als problematisch.

Die Mehrheit der Spanier (55 Prozent) sagen hingegen, dass Heimarbeit positive Effekte auf ihre Psyche habe.

NAG: Zuwenig Unterstützung der Arbeitgeber

Gaby Mücke (Bild: NAG)
Gaby Mücke (Bild: NAG)

Mit der Situation und der Stimmung der deutschen Mitarbeiter in der Versicherungsbranche haben sich bereits Arbeitnehmervertreter beschäftigt. So der Auftrag an eine Online-Umfrage, welche die Neue Assekuranz Gewerkschaft e.V. (NAG) zusammen mit Professor Dr. Matthias Beenken von der Fachhochschule Dortmund durchgeführt hat.

Die persönliche Einstellung zum Homeoffice hat sich durch Corona eindeutig zum Positiven verändert. Höhere Produktivität, problemlose virtuelle Interaktion mit Kunden und Kollegen sowie große Zeitersparnis waren weitere positive Ergebnisse (8.9.2020).

Am Support der Unternehmen gab es aber Kritik. „Noch immer sitzen viele Kolleginnen und Kollegen auf nicht ergonomischen Stühlen und klagen vermehrt über gesundheitliche Belastungen im Homeoffice“, lässt sich Gabi Mücke, Vorsitzende der NAG, in einer Mitteilung von dieser Woche zitieren.

Bis zu 1.500 Euro könnten die Unternehmen steuerfrei an die Beschäftigten auskehren.

Gabi Mücke, Vorsitzende der NAG

Wertschätzung: Finanzielle Zuwendungen angesagt

Viele Unternehmen würden sich weigern, ihren Beschäftigten Zuschüsse zu zahlen oder eine ergonomische Ausstattung der Arbeitsplätze im Heimbüro sicherzustellen.

Mücke fordert die Unternehmen auf, für gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen im Homeoffice zu sorgen und ihren Beschäftigten materielle Zeichen der Wertschätzung für ihren besonderen Einsatz in der Pandemie zukommen zu lassen. „Bis zu 1.500 Euro könnten die Unternehmen steuerfrei an die Beschäftigten auskehren“, so Mücke.

Wie es mit einer Beteiligung der Arbeitgeber an den Kosten der Mitarbeiter zur Finanzierung ihrer Heimarbeit aussieht, wird dem Vernehmern nach noch intern mit den Arbeitnehmer-Vertretungen bei verschiedenen Gesellschaften diskutiert. Ergebnisse dieser Verhandlungen liegen noch nicht vor.