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Kommentar

2020: Ein verlorenes Jahr auch für die Assekuranz

23.12.2020 – Es sind wahrlich nicht nur begeisterte Konzertbesucher und deren Idole, denen am Jahresende schmerzlich bewusst wird: 2020 ist ein schlicht komplett verlorenes Jahr. Die Assekuranz gehört sicherlich auch zu den Leidtragenden, obwohl dies in den nächsten Jahresergebnissen wahrscheinlich noch gar nicht so richtig sichtbar werden wird. Manche Risiken, die für die Branche im Zusammenhang mit Covid-19 relevant werden könnten, dürften sich ohnehin nur schleichend auswirken.

„Die gesamt-gesellschaftlichen Herausforderungen durch Corona sind extrem vielfältig.“ So steht es als Teil des Fazits der Herbsttagung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) und der Deutschen Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik e.V. (DGVFM) in den jüngsten DAV-Mitteilungen.

Das ahnt nach inzwischen fast einem Jahr Corona-Erfahrung wahrscheinlich so ziemlich jeder, der mal wieder in seinem per Verordnung geschlossenen Geschäft sitzt oder mit der Familie in einer engen Etagenwohnung mehr oder weniger eingesperrt ist.

Silolösungen taugen nicht

Ähnliches gilt für die DAV-Schlussfolgerung, wonach „reine Silolösungen oder die singuläre Betrachtung von einzelnen Branchen nicht dazu führen werden, diese nie da gewesene Extremsituation zu bewältigen“. Oder auch, dass es „vielmehr gesamthafter Ansätze, neuer Absicherungskonzepte und einer intensiven Zusammenarbeit aller Beteiligten“ bedarf.

„Die 5.600 Aktuar*innen der DAV sind gern bereit, ihr spezifisches Fachwissen in diese wichtigen Diskussionsprozesse einzubringen“, wird abschließend versichert. Dieses Wissen jedoch war in den vergangenen Monaten entweder nicht gefragt oder wurde erst gar nicht angeboten.

Unsichtbare Aktuare

Man leidet inzwischen ja fast schon mit den Talkshow-Redaktionen von „Markus Lanz“ bis „Anne Will“ mit. Die müssten für die unzähligen Talkrunden bundesweit so ziemlich jede Universität, jede Klinik und jede Arztpraxis abgeklappert haben, um noch genügend Teilnehmer mit direkter oder zumindest indirekter Expertise aufzutreiben. Selbst der sonst allgegenwärtige SPD-Gesundheitspolitiker Professor Dr. Karl Lauterbach kann eben nicht überall sein.

Versicherungsaktuare wurden jedoch offenbar nicht angesprochen – oder es drängte sie zumindest nicht vor die Kameras. Das gilt gleichermaßen für ihre Chefs, beispielsweise in den Vorstandsetagen von Global Playern wie der der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG in München, der Swiss Re AG oder der Allianz SE.

Abstinenz der Assekuranz hat Langzeitwirkung

Diese Abstinenz könnte sich in künftigen Geschäftsberichten möglicherweise hinten in der Rubrik „Reputationsrisiko“ niederschlagen. Denn immerhin verstehen sich die Vertreter der Assekuranz eigentlich selbst als die geborenen Manager von Risiken jedweder Art. Mediziner und sogar Politiker würden das so wohl eher nicht von sich behaupten, selbst wenn derzeit mancher in Studios so tut.

Weitgehende Einigkeit dürfte – wenn man nicht gerade Jünger des scheidenden US-Präsidenten ist – inzwischen immerhin darüber herrschen, dass Covid-19 tatsächlich ein extrem gefährliches und komplexes Risiko ist. Selbst Verschwörungs-Theoretiker räumen dies schließlich indirekt ein, denn sonst müssten sie ja nicht Bill Gates als Schuldigen für eine Katastrophe verantwortlich machen.

Hohe Ansprüche und redliche Selbsterkenntnisse

Nun haben die Aktuare bei ihrer Herbsttagung – wie viele andere seriöse Wissenschaftler und Politiker – auch offen eingeräumt, dass die Dimensionen dieser Pandemie und die Begleiterscheinung selbst sie völlig überrascht haben. Das ist redlich.

Trotzdem müssen sie sich schon an ihrem eigenen Motto messen lassen. Und das lautet selbstbewusst „Wir rechnen mit der Zukunft“.

Nachvollziehbar ist, dass auch Aktuare trotz ihres Handwerkszeugs in – nach eigenem Bekunden – Gestalt komplexer und robuster versicherungs-mathematischer Modelle mit Millionen und Milliarden an Datensätzen derzeit gleichwohl mit sehr vielen Unbekannten zu kämpfen haben. Manches von dem, was sie wissen, scheint aber selbst für die politischen Entscheider und das breite Publikum vielleicht nicht bedeutungslos.

Schrecken ohne Ende

Nur ein Beispiel: Die zunächst vor allem für Kranken- und Biometrieversicherer wichtige Erkenntnis aus den SARS- und MERS-Pandemien 2003 und 2012, wonach 30 Prozent der Patienten mit schweren Lungenschäden offenbar erst fünf Jahre nach ihrer Heilung doch noch berufsunfähig wurden.

Das lässt befürchten, dass auch der Covid-19-Schrecken keineswegs endet, wenn eine Erkrankung zunächst erfolgreich überstanden ist. Solch eine langfristig düstere Aussicht im Hinblick auf die eigene Zukunft könnte manchen vielleicht eher zum sorgfältigen Umgang mit einer Maske veranlassen als der ständige Appell, doch bitte das deutsche Gesundheitssystem vor einer Überforderung zu schützen.

Für die Assekuranz könnte es zugleich ein kleiner Baustein sein, ihre gesellschaftliche Relevanz unter Beweis zu stellen. Sonst bleibt, wenn Corona irgendwann hoffentlich Geschichte ist, in der Öffentlichkeit als Erinnerung doch wieder nur zurück, dass sich die Branche bei Betriebsschließungs- oder Veranstaltungs-Versicherungen erneut um die Leistung zu drücken versuchte.

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