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Programm soll seelischen Zustand der Versicherten messen

18.11.2020 – Berufsunfähigkeits-Versicherer haben in Regel erst im Schadenfall Kontakt mit ihren Kunden. Dann sind aber vor allem psychische Erkrankungen meist chronisch und nicht mehr heilbar. Die Versicherer müssen oft über lange Zeiträume die versicherte Rente zahlen. Daher wollen sie künftig besonders gefährdete Kunden schon während der Laufzeit des Vertrages ansprechen und ihnen ein Hilfsprogramm anbieten. Scheinbar ist das technisch gestützte Programm ein Erfolg.

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Vor einem schweren Burn-out oder einer Angstpsychose wollen Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherer ihre Kunden künftig prophylaktisch schützen. „Berufsunfähigkeits-Versicherer können sich künftig als begleitende Gesundheitsmanager etablieren“, sagte Thomas Trompetter, Leiter der Client Services beim Rückversicherer Scor SE.

Möglich wird das durch ein viermonatiges Prüfprogramm, bei dem die psychische Gesundheit der Kunden ermittelt wird und notfalls frühzeitig medizinische Hilfe einsetzen kann. Das Feel-Programm wurde mit der Gothaer Lebensversicherung AG zwischen Oktober 2019 und August 2020 getestet. In „Feel“ wurden Kunden aufgenommen, die nach eigener Einschätzung unter leichten psychischen Störungen litten.

Tracker misst Emotion

Ein Armband der Firma Sentio Solutions Inc. misst die Hautreaktion, etwa die Temperatur und die Schweißabsonderung, und kann so auf den seelischen Zustand der Versicherten zurückschließen. „Es funktioniert so ungefähr wir ein Lügendetektor“, erläuterte Trompetter in einem Vortrag auf der diesjährigen digital veranstalteten InnoVario@home, die von der V.E.R.S. Leipzig GmbH veranstaltet wird.

Trompetter: „Der Tracker schlägt Alarm, wenn es zu großen Gefühlsschwankungen kommt.“ Die Kunden könnten dann sofort feststellen, welche Ereignisse Stress ausgelöst haben. „Solche Gedankenmuster können dann hinterlegt und vom Therapeuten in einer wöchentlichen Sitzung aufgearbeitet werden“, erläuterte Trompetter.

Man könne so zwischen positivem Stress, etwa vor dem Start zu einem Vortrag, wenn der Adrenalinpegel steigt, oder negativen Gefühlen, wenn man sich also ärgert, unterscheiden.

Die Probanden hätten so ganz andere Möglichkeiten zur Genesung, als wenn sie ihrem Therapeuten aus dem Gedächtnis erläutern müssten, was in der letzten Zeit alles vorgefallen sei. Gleichzeitig würden ihnen direkt über die Feel-App stressmindernde Übungen empfohlen. Somit sei das Programm auch eine Selbsthilfe.

Kunden werden glücklicher

Laut dem Rückversicherer zeigte sich im Real-Test der Gothaer, dass Depressionen um 55 Prozent und Angstschübe um über 44 Prozent gesenkt werden konnten. Gleichzeitig stieg die Zufriedenheit der Teilnehmer um über 25 Prozent. „Das Programm hat somit einen positiven Einfluss auf die Psyche“, so Trompetter.

Zudem hätten selbst die Versicherten sehr positiv auf das Anschreiben der Gothaer reagiert, die nicht in das Programm aufgenommen wurden. Das galt etwa für Kunden, die schon erkrankt sind und bereits eine Psychotherapie nutzen oder Psychopharmaka zu sich nehmen.

Probleme habe es im Test mit dem Armband gegeben. Es sei größer als die üblichen Fitness-Tracker. Doch der Hersteller habe nun individuellere Armbänder zur Verfügung gestellt.

Sensibel mit Kunden kommunizieren

Die Versicherer müssten bei einem Anschreiben sehr sensibel mit ihren Kunden umgehen. So habe die Gothaer mit dem Slogan „in sieben Schritten zu mehr mentaler Stärke“, sehr gute Erfolge erzielt. „Die Ergebnisse sollten Erstversicherer ermuntern, ebenfalls das Programm auszuprobieren.“

Laut dem Moderator des Vortrages, Professor Fred Wagner vom Institut für Versicherungs-Wissenschaften e.V. (IfVW), würde sich seine Anwendung auch für private Krankenversicherer anbieten. Hier könnte die Gruppe der interessanten Kunden viel früher und besser aufgrund von Leistungsabrechnungen ermittelt werden.

Der Rückversicherer betonte aber, dass die Anonymität des Programmes sehr wichtig sei. Daher bietet er Erstversicherern an, es vollkommen in Eigenregie durchzuführen. „Die Teilnahme am Programm hat damit keinerlei Einfluss auf die Leistungsabrechnung, wenn der Kunde später doch aufgrund psychischer Probleme berufsunfähig wird“, erläuterte Trompetter. Die Rückversicherer haben großes Interesse daran, chronische Psychoerkrankungen zu senken. Laut Scor entfallen bereits 30 Prozent aller neuen Berufsunfähigkeits-Fälle auf seelische Leiden (VersicherungsJournal 7.8.2020).

Fallzahlen (Bild: IVFW)
Zum Vergrößern Bild klicken (Bild: IfVW)

Rabatt für BU-Arbeitgeber-Gruppenverträge

„In manchen Beständen würden psychische Erkrankungen sogar schon die Mehrzahl der neuen Leistungsfälle darstellen“, sagte Trompetter. Frauen, bestimmte Branchen und Berufe, meist gut bezahlte Jobs, sind überrepräsentiert. Daher ist die versicherte Rente meist hoch. Deshalb könnten vorbeugende Maßnahmen sehr hohen Einfluss auf die Profitabilität von BU-Beständen haben.

Auch bei Tumorerkrankungen sei oft die Psyche stark betroffen. Hier sieht Trompetter ebenfalls Erfolgschancen für das Feel-Programm.

Im stark umkämpften BU-Arbeitgeber-Gruppengeschäft könnte mit einem solchen Programm eine Win-Win-Situation für den Arbeitgeber und Erstversicherer hergestellt werden. Der Arbeitgeber könnte sofort seine Arbeitsunfähigkeits-Zeiten reduzieren. Für den Erstversicherer verspricht der Rückversicherer Rabatte, da sich das Programm langfristig positiv auf die Gesundheit der versicherten Belegschaft auswirken würde.

Einsatz in Pandemiezeiten

Möglich sei es auch, das Programm aktuell in der Covid-19-Pandemie einzusetzen. Kontaktreduzierungen und Quarantänemaßnahmen würden die Psyche vieler Menschen belasten.

„In Deutschland haben wir aber bisher wenig Resonanz auf solche Vorschläge erhalten“, erläuterte Trompetter. Demgegenüber sollen beispielsweise in Portugal 80 Prozent der Befragten Interesse signalisiert haben. Nach Einschätzung von Professor Wagner sei die deutsche Bevölkerung bei allen Programmen, bei denen Daten gesammelt würden noch immer besonders kritisch.

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