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Kommentar

BUV mit Scoring-Modell: Neu, aber nicht ganz so revolutionär

7.8.2019 – Mit der Neuauflage ihrer Berufsunfähigkeits-Versicherung will sich die Zurich von den Berufsgruppen verabschieden. Ein Scoring-Modell soll sich positiv auf die Prämie auswirken. Kritisch ist hier zu hinterfragen, ob die damit verbundene Individualisierung das Kollektiv gefährdet, meint der Biometrie-Experte Philip Wenzel. Auch gelte es, in der Beratung Vorsicht walten zu lassen, um nicht eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht zu riskieren. Der Tarif selbst wurde an einigen Stellen verbessert.

Versicherer zu kritisieren, ist eigentlich zu einfach. Wenn ein Versicherer bemüht ist, dem einzelnen Kunden zu helfen, dann heißt es kritisch, dass dadurch das Kollektiv gefährdet ist. Und schützt er das Kollektiv, kann man nörgeln, weil das zulasten des Einzelnen geht.

Philip Wenzel (Bild: Doris Köhler)
Philip Wenzel (Bild: Doris Köhler)

Die Zurich Gruppe Deutschland hat sich nun daran versucht, in der Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherung das gängige Berufsgruppenmodell abzuschaffen. Das ist gut. Denn alle sind sich einig, dass sich hier was ändern muss, damit es besser wird. Das bedeutet aber nicht, dass jede Veränderung auch eine Verbesserung ist.

Punkte mit Auswirkung auf Prämie

Das neue Scoring-System der Zurich (VersicherungsJournal 25.7.2019) tastet sich vorsichtig an die Revolution heran. Das ist nicht schlecht. Denn zu große Veränderungen würden auch zu großer Verwirrung unter den Vermittlern und Kunden führen.

Jeder Beruf wird einer Grundeinstufung zugeordnet. Für alle dieser Einstufungen gibt es ein Scoring-Modell. Innerhalb dieses Modells kann man Punkte sammeln, was zu einer Verbesserung der Einstufung führen kann.

Die Punkte ergeben sich, wenn der Interessent weitere Fragen zum Beispiel zum Umfang der körperlichen Tätigkeit, Berufsstatus und Ähnlichem beantwortet. Sie haben Einfluss auf die Grundprämie, die an der grundsätzlichen Einstufung hängt.

Berufsspezifische Fragen

Die zu beantwortenden Fragen sind teilweise schon bekannt. So wird der Raucherstatus zukünftig bei der Zurich prämienrelevant sein. Auch der Prozentsatz der Bürotätigkeit und die Leitungsfunktion spielen schon im Markt eine Rolle bei der Einstufung, ebenso die Qualifikation.

Hier wird es aber auch schon interessant. Angaben zur Fort- und Weiterbildung werden am Markt bisher nicht standardmäßig abgefragt. Für die Zurich gäbe es aber für Bildungsmaßnahmen einen Punkt. Und beim Status unterscheidet die Zurich nicht nur zwischen Angestellten und Beamten, sondern auch darin, ob ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder eine Verbeamtung auf Lebenszeit vorliegen.

Im Detail gibt es noch viele berufsspezifische Fragen, wie bei Ärzten zum Beispiel nach einer chirurgischen Tätigkeit.

Individualisierung vs. Kollektiv

Alles dient dem Zweck, den Einzelnen günstiger versichern zu können. Das ist toll. Aber es führt auch am Versicherungszweck vorbei, den Einzelnen über ein Kollektiv vor der Verwirklichung eines unvorhersehbaren Risikos zu schützen. Je kleiner das Kollektiv, desto mehr Risiko fällt auf den Einzelnen zurück und desto schwankungsanfälliger ist wiederum das Kollektiv.

Das alles vernünftig zu berechnen, ist Aufgabe der Aktuare. Es bleibt zu hoffen, dass nicht der Vertrieb bei der Kalkulation zu sehr gedrängelt hat.

Die Zurich hat auf Nachfrage bestätigt, dass das neue Modell keinen Einfluss auf die Kollektivgröße hat und dass das Scoring nur die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Kollektiven erhöht. Somit würde die Individualisierung das Kollektiv nicht weiter gefährden.

Vorsicht in der Beratung

Der Vermittler muss aber bei der Beantwortung der Fragen Vorsicht walten lassen. Denn durch das Scoring gibt es eine Menge neuer Fehler zu machen, die im Zweifel zu einer Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht führen könnten.

Zudem wird es oft auch schwierig sein, nach bis zu zehn Jahren nachzuweisen, dass der Beruf zum Zeitpunkt der Beantragung auch tatsächlich so ausgestaltet war wie angegeben. In der ursprünglichen Stellenbeschreibung des Kunden wird sich dazu nicht viel Belastbares finden.

Hier wäre es hilfreich, wenn die Zurich entsprechende Erklärvideos für Vermittler und Kunden bereitstellen würde.

Einige Verbesserungen am Tarif

Der Tarif selbst (2.7.2015) wurde an vielen Stellen verbessert. Die sogenannte Arbeitsunfähigkeits-Klausel ist zukünftig optional, leistet für 24 Monate und das ohne gleichzeitige Beantragung der BU-Leistung.

Allerdings ist jetzt eine Meldefrist von neun Monaten für diese Klausel festgelegt. Das ist nicht unüblich und auch verständlich, weil die Krankschreibung ja den Leistungsfall begründen würde und vom Versicherer schwierig bis unmöglich anzuzweifeln ist.

Auch gut ist, dass die Zurich jetzt auf die Meldepflicht bei gesundheitlicher Verbesserung im Leistungsfall verzichtet. So hat es keine Folgen, wenn der Kunde nicht merkt, dass er nur noch zu 40 Prozent berufsunfähig ist. Wie sollte er das auch bemessen können?

Die Bedingungen sind insgesamt gut zu lesen. An manchen Stellen sind die Formulierungen aber für den Laien schwierig nachzuvollziehen.

Neu, aber nicht revolutionär

Unterm Strich betrachtet ist das Scoring-Modell zwar neu, aber nicht ganz so revolutionär. Es stellt jedoch einen Schritt in die richtige Richtung dar. Vor allem, weil davon auszugehen ist, dass die Kollektivgrößen sich dadurch nicht erheblich verändern werden.

Der 39-jährige Bürokaufmann zahlt bis zum Alter 67 Jahre für 1.000 Euro Rente und einem Prozent Leistungsdynamik 69,76 Euro (93,02 Euro Brutto) im Monat. Bei einer guten Einstufung zahlt er 61,14 Euro (81,92 Euro Brutto). Der Mechatroniker zahlt 108,20 Euro (144,27 Euro Brutto). Mit günstigerer Einstufung sind es 86,60 Euro (125,47 Euro Brutto).

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