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Jugendlicher Leichtsinn zählt bei Unfall auf dem Hüpfkissen

8.10.2020 – Jugendliche Teilnehmer eines Seminars im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahrs stehen auch außerhalb der reinen Seminarzeit in der Regel unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Das geht aus einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 6. Oktober 2020 hervor (B 2 U 13/19 R).

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Die seinerzeit 16-jährige Klägerin hatte sich dazu entschlossen, nach Abschluss der Realschulausbildung ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) in einem Alten- und Pflegeheim zu absolvieren. Dazu musste sie unter anderem an einem einwöchigen Einführungsseminar in einer ländlich abgeschiedenen Bildungs- und Ferienstätte teilnehmen.

Die Seminare fanden täglich zwischen 9.00 und 18.00 Uhr statt, daran teilzunehmen war Pflicht. Die anschließende Freizeit stand den jugendlichen Teilnehmern zur freien Verfügung. Am Abend wurden allerdings von einzelnen Betreuern Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Lagerfeuer und Spiele angeboten. Die Teilnahme daran erfolgte auf freiwilliger Basis.

Verletzung der Lendenwirbelsäule beim Springen auf der Hüpfburg

An einer solchen Aktivität wollte auch die Klägerin teilnehmen. Sie befand sich am 8. September 2015 zusammen mit weiteren Seminarteilnehmern auf dem Weg zu einem Karten- und Rollenspiel, als die Gruppe auf dem Gelände der Bildungsstätte ein großes Hüpfkissen entdeckte.

Die Gruppe begann, darauf herumzuspringen. Dabei wurde mit Zustimmung des Mädchens beschlossen, dass diese sich auf die eine Hälfte des Hüpfkissen setzen sollte, während die übrigen acht Teilnehmer gleichzeitig auf die andere Hälfte springen sollten, um die junge Frau in die Luft zu katapultieren.

Das ging zunächst auch gut. Doch bei der Landung geriet die Klägerin statt auf das Kissen auf eine Umrandung, die aus einem Sand-Kies-Gemischt bestand. Dabei zog sie sich eine erhebliche Verletzung ihrer Lendenwirbelsäule zu.

Typisches Gruppenverhalten von Jugendlichen

Als die Verletzte Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung in Anspruch nehmen wollte, erhielt sie eine Abfuhr. Denn die Berufsgenossenschaft lehnte es ab, den Vorfall als Arbeitsunfall anzuerkennen. Die Jugendliche reichte daraufhin Klage beim Sozialgericht Hildesheim ein.

Damit hatte sie Erfolg. Das Gericht war überzeugt, dass auf den Fall der Klägerin angesichts ihres Alters die Grundsätze des Versicherungsschutzes bei Schulausflügen und Klassenfahrten anzuwenden seien. Diese würden auf den natürlichen Spieltrieb und das typische Gruppenverhalten von Kindern und Jugendlichen abstellen. Das Sozialgericht gab der Klage daher statt.

Rein private Freizeitgestaltung

Das in zweiter Instanz mit dem Fall befasste Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen hielt die Entscheidung für falsch. Nach Ansicht des Berufungsgerichts stand die Betroffene bei ihrem Unfall nicht unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung.

Die Gruppenaktivitäten nach Beendigung des Seminarteils seien als rein private Freizeitgestaltung anzusehen. Es habe folglich kein sachlicher Zusammenhang mit der versicherten Beschäftigung der Klägerin bestanden.

Doch dem wollte sich das von der Verletzten in Revision angerufene Bundessozialgericht nicht anschließen. Es hob das Urteil des Landessozialgerichts auf und stellte die Entscheidung des Sozialgerichts wieder her.

Doch innerer Zusammenhang mit der versicherten Tätigkeit

Nach Überzeugung des Revisionsgerichts stand der Unfall der Klägerin durchaus in einem inneren Zusammenhang mit ihrer versicherten Tätigkeit als Absolventin eines freiwilligen sozialen Jahrs.

Denn der Träger des FSJ habe eine erhöhte spezifische Gefahr „für die ungehemmte Entfaltung jugendlicher leichtsinniger Spielereien und gruppendynamischer Prozesse einschließlich des damit verbundenen Verletzungspotenzials“ geschaffen. Dies bezogen die Richter darauf, dass der Träger das Seminar für die jungen Leute an einem ihnen fremden, abgelegenen Ort mit einem unfallträchtigen Sportgerät ohne entsprechende Aufsicht abgehalten hatte.

Für ihre Freizeitgestaltung hätten den Teilnehmern daher im Wesentlichen nur die von den Betreuern durchgeführten Aktivitäten sowie die Angebote der Einrichtung zur Verfügung gestanden.

Sachlicher Zusammenhang mit deren betrieblicher Tätigkeit

Es habe auch ein sachlicher Zusammenhang mit deren betrieblicher Tätigkeit bestanden. Denn der sei immer dann anzunehmen, wenn Jugendliche durch die Gestaltung der Betriebsverhältnisse in die Lage versetzt würden, sich durch gruppendynamische Prozesse besonderen Gefahren auszusetzen. Die Benutzung des Hüpfkissens sei daher als versicherte Tätigkeit anzusehen.

Zum Zeitpunkt des Unfalls der Klägerin sei zwar die offizielle Seminarzeit beendet gewesen. Für den Abend sei jedoch ein weiterer Programmpunkt angeboten worden, zu dem das Mädchen zusammen mit anderen Seminarteilnehmern unterwegs war, als die Gruppe das Hüpfkissen entdeckt hatte.

Erhebliches Verletzungspotenzial

Ein derartiges Sportgerät berge schon aufgrund seiner Beschaffenheit ein erhebliches Verletzungspotenzial. Dieses habe sich in dem entschiedenen Fall durch Übermut, Spieltrieb, Gruppendynamik und Fehleinschätzung der Gefahrenlage verwirklicht.

Es bestehe die grundsätzliche Gefahr, dass sich Jugendliche von Übermut mitreißen lassen und sich unter dem gruppendynamischen Einfluss erheblichen gesundheitlichen Gefahren aussetzen.

Das gelte insbesondere vor dem Hintergrund der Zusammenstellung der Gruppe für das Einführungsseminar zur Ableistung des freiwilligen sozialen Jahres. Sie bestand aus Jugendlichen, die sich untereinander nicht kannten, aber für die gemeinsame Freizeitgestaltung während der Seminarreise in einem abgelegenen Gebiet aufeinander angewiesen gewesen seien.

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