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Kommentar

Bilanz einer Katastrophe – welche Lehren die Versicherungswirtschaft jetzt ziehen muss

21.7.2022 – Mitte Juli hat sich die Flutkatastrophe gejährt, die vielen Menschen in Deutschland über Nacht schwere Schäden zugefügt hat. Die Schreckensbilanz: Mehr als 180 Menschen sind ums Leben gekommen und Überschwemmungen zerstörten ganze Existenzen. Die Fragen, die ein Jahr danach dringend diskutieren sollten: Was lernen wir alle daraus und was muss sich zukünftig verändern? Zieht die Gesellschaft diesmal die richtigen Konsequenzen? Ein Gastbeitrag von Martin Gräfer, Vorstandsmittglied der Versicherungsgruppe die Bayerische.

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Wenige Tage nach der Katastrophe bin ich direkt in das betroffene Gebiet an der Ahr gefahren. Zahlreiche Begegnungen mit anpackenden Versicherungs-Vermittlern und insbesondere mit geschädigten Menschen haben mich sehr beeindruckt und persönlich betroffen gemacht.

Dabei ist mir neben all dem Schrecken auch eine unglaubliche Hilfsbereitschaft begegnet. Aber es war ein schreckliches Bild: Zerstörte Häuser und daneben die Familien, deren Existenzen die Flut geraubt hat. In teils sehr emotionalen Gesprächen schilderten sie mir ihre Erlebnisse.

Martin Gräfer (Bild: die Bayerische)
Martin Gräfer (Bild: die Bayerische)

Neulich habe ich mir wieder ein Bild gemacht, um zu sehen, was sich nun ein Jahr danach getan hat. Dabei wurde rasch klar: Viele Schäden sind noch immer nicht behoben, teilweise ist die Situation nach wie vor erschütternd. Noch immer sind viele Häuser mit „Abriss“ markiert, viele Wohnungen und Geschäfte sind bestenfalls noch im Rohbau. Ortschaften sind teilweise nur provisorisch an das Straßennetz angebunden und Brücken nach wie vor nicht nutzbar.

Keine singulären Ereignisse mehr

Nun, zwölf Monate nach der großen Flut in Deutschland (VersicherungsJournal Archiv) muss uns eines bewusst sein: Katastrophen wie diese sind keine singulären Ereignisse mehr. Auch deswegen ist ein Umdenken dringend erforderlich.

Denn trotz der großen Solidarität, die die betroffenen Bürger aus dem ganzen Land erfahren haben, bleiben Herausforderungen, die nun unbedingt geklärt werden müssen. Themen wie die Verteilung der Wiederaufbaugelder bis hin zur Debatte von Elementar-Pflichtversicherungen. Alles zusammen neue Realitäten, denen wir uns in der Gesellschaft, in der Politik und in unserer Branche stellen müssen.

Zwei Drittel der Schäden der Flutkatstrophe final bearbeitet

Für die Versicherungsgruppe die Bayerische war die Flutkatastrophe das einschneidendste Schadensereignis seit Bestehen. Bis zum heutigen Tag konnten zwei Drittel der Flutschäden final bearbeitet werden. Wir erwarten nach Abschluss aller Schadensmeldungen einen Gesamtaufwand von 26 Millionen Euro. Bei einem Versicherer, der insgesamt knapp 200 Millionen Euro Beitragseinnahmen im Bereich Komposit-Versicherung vereinnahmt, ein erheblicher Betrag.

Zur finalen Abwicklung des letzten offenen Drittels sind wir mit mehreren aktuellen Herausforderungen konfrontiert: Zum einen ist da der Fachkräftemangel im Handwerk. Doch auch sehr starke Lieferengpässe von Bau- und Rohstoffen verschärfen gerade seit dem Krieg in der Ukraine die Situation zusätzlich

Sicherlich ist gerade der Wiederaufbau auch durch die enormen Preissprünge betroffen. Tagtäglich kämpfen wir alle mit der aktuellen Inflation, die Kosten für Materialbeschaffung unvorhersehbar steigen lässt.

All diese Faktoren haben eine starke Außenwirkung auf die Branche und können nicht auf die Schnelle behoben werden. Zudem sind die Ausmaße an Schäden enorm: Häuser müssen abgerissen und neu aufgebaut werden. Bestehende Gebäude müssen kernsaniert werden – erneut ein Faktor, der die Abwicklung von Schäden stark beeinflusst.

Prävention spielt weiterhin eine zu kleine Rolle

Wir müssen uns damit abfinden, dass der Begriff „Jahrhundertkatastrophe“ für Fluten, wie wir sie vergangenes Jahr erleben mussten, überholt ist. Unwetterkatastrophen werden auch für uns in Deutschland ein zunehmender Teil unseres Alltags. Der Klimawandel und die damit einhergehende Veränderung unserer Umwelt werden sich weiter intensivieren – man muss wohl sagen verschlimmern.

Auch die Wissenschaft beobachtet eine immer intensivere Wetter- und Klimasituation. Starkregen und Sturzfluten werden uns in Zukunft stärker beschäftigen.

Fatal könnte sich hier die fehlende Vorbereitung und Prävention auswirken. Studien zeigen deutlich, dass kaum eine Gemeinde in Deutschland ausreichend auf das Ausmaß der anstehenden Flutkatastrophen vorbereitet ist. Gerade im Bereich Unwetterkatastrophen herrschen erhebliche Defizite.

Pflichtversicherung – ein unvermeidbares Muss?

Doch was also tun, wenn wir davon ausgehen müssen, dass diese Art schrecklicher Katastrophen weiter zunimmt? Sehr präsent in der Diskussion ist die Forderung nach einer Pflicht von Elementarversicherungen (7.7.2022, 3.6.2022). Auch wenn es vereinzelt Gegenstimmen gibt, so scheint der Ruf nach dieser Art der Verpflichtung doch immer lauter zu werden.

Meine Position ist klar: Nein, ich bin nicht für eine Pflicht für Bürgerinnen und Bürger, sondern sehe zunächst einmal dringenden Handlungsbedarf in der Politik. Politische Institutionen in den Städten und Gemeinden, den Landkreisen, den Bundesländern und dem Bund müssen dazu verpflichtet werden, einen wirksamen Starkregen- und Überschwemmungsschutz zu planen und umzusetzen.

Meine Sorge ist, dass nach der Einführung einer Pflichtversicherung politischen Institutionen wichtige Investitionen in den Hochwasser- und Katastrophenschutz hintanstellen. Wir sollten jedoch dringend die Investition in Prävention, Warnungssysteme und Hilfsorganisationen wie den THW ausbauen. Das sind die Ansätze, die wir für die richtige Prävention verfolgen sollten.

Prävention beginnt auch bei der Wahl des Baugrunds

Neben einem ausreichenden Versicherungsschutz müssen wir auch weiter an einer strengeren Vergabe von Baugrundstücken in Flutgebieten arbeiten. Denn obwohl bereits Vorgaben zum Bauverbot von Überschwemmungsgebieten existieren, zeigen gerade die Flutschäden an der Erft in Nordrhein-Westfalen, dass Unternehmen und Privatpersonen trotz dieser Verbote in den Risikobereichen arbeiten und wohnen.

Wir müssen offen diskutieren: Sollte im Fall eines Schadens die Genehmigungsbehörde nicht auch haften? Gemeinden und Städte sollten hier dringend prüfen, wie viel betroffene Häuser und Wohnungen in Risikogebieten stehen und umgehend handeln.

Fazit: Radikale Ereignisse erfordern ein radikales Umdenken

Selbst ein Jahr nach der Katastrophe sind die Ereignisse aus dem Flutsommer vergangenen Jahres noch immer nicht aufgearbeitet. Die wichtigste Lehre, die wir aus dieser Flut ziehen müssen: Die Situation wird sich weiter verschärfen. Wetter- und Klimakatastrophen werden uns in naher Zukunft noch mehr beschäftigen.

Hier sind die Gesellschaft und die Politik gefordert. Wir müssen weg von einem zu reaktiven Verhalten, hin zu mehr Prävention und einem neuen Bewusstsein, dass sich unsere Welt klimatisch nun mal verändert hat. Bauliche Vorsorge ist die praktische, wenn auch sehr aufwendige Konsequenz.

Viel wichtiger wird zukünftig ein radikales Umdenken: Wir Menschen sind teilweise ohnmächtig gegenüber den schrecklichen Klimakatastrophen. Und jeder von uns kann zukünftig davon betroffen sein. Wenn sich mehr Menschen dieser bitteren Wahrheit stellen, können wir in katastrophalen Zeiten besser reagieren – und das weit über die Versicherungswirtschaft hinaus.

Martin Gräfer

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Versicherungsgruppe die Bayerische.

Gastautor

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