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Harter Herbst: Welche Konsequenzen ein Gas-Stopp für Firmenkunden hat

1.8.2022 – Produktionsausfälle aufgrund einer Rationierung von Gas sind nicht versichert. Diese Sichtweise teilen Versicherer und Vermittler. Der eventuelle Stillstand von Betrieben aufgrund von Notfallplänen bringt aber weitere Konsequenzen wie Maschinenbruch und geplatzte Heizungsrohre mit sich. Die noch schlechtere Nachricht: Unternehmen können sich gegen diese Risiken nicht (mehr) versichern.

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Auf Vermittler, die Gewerbekunden betreuen, könnte ein unerfreulicher Herbst mit vielen Diskussionen zukommen. Derzeit hat Deutschland Sommerferien. Die kalte Jahreszeit ist gefühlt noch in weiter Ferne.

Auf politischer Bühne werden Vorbereitungen getroffen: Bundes-Wirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/die Grünen) hat bereits Stufe zwei des Notfallplans Gas aufgerufen. Sie bedeutet, dass eine Störung der Gasversorgung vorliegt. Aktuell heißt der Störenfried Wladimir Putin und der russische Regierungschef könnte Deutschland den Gashahn zudrehen.

Auch die Europäische Union (EU) stellt sich auf einen möglichen Lieferstopp ein. Sie legte am 20. Juli ebenfalls einen Notfallplan auf den Tisch, der die Mitgliedsstaaten auffordert, den Gasverbrauch um 15 Prozent zu senken. Staatliches Eingreifen ist hier mitgedacht.

GDV informiert Firmen über Konsequenzen eines Gasstopps

Vorsorge trifft auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV). Er hat seine Hausaufgaben erledigt. Am 21. Juli informierte der Verband die Öffentlichkeit in einer Mitteilung, Adressat war wohl in erster Linie die gewerbliche Klientel, über die Konsequenzen eines Gasstopps für die versicherungsnehmenden Betriebe und die Assekuranz.

Die Aussage des Verbands: Produktionsausfälle aufgrund einer Rationierung von Gas für die Industrie seien nicht versichert, da die Leistung einer Betriebsunterbrechungs-Police immer einen Sachschaden wie zum Beispiel Feuer voraussetze. Produktionseinbußen durch eine staatlich angeordnete und im Voraus geplante Rationierung von Rohstoffen sei hingegen nicht versichert.

Das gelte auch für Zulieferer, die selbst kein Gas für die Produktion benötigen, aber aufgrund gestörter Lieferketten ebenfalls betroffen sind.

Defekte an Maschinen und Gebäuden befürchtet

Diese Aussage untermauert ein vom GDV in Auftrag gegebenes Gutachten, das der Verband bisher nicht veröffentlicht hat. Bei Ausrufen der Notfallstufe handle es sich um eine „planmäßige Abschaltung“ und der entsprechende Risikoausschluss greife somit in den Musterklauseln.

„Selbst wenn in einer Klausel das Vorliegen eines Sachschadens nicht konkret vereinbart ist – was bei älteren Policen der Fall sein kann – greift letztlich der Risikoausschluss ‚planmäßige Abschaltung‘“, so beschreibt der Versichererverband die Einschätzung der Gutachter.

Zusätzlich beruft sich die Assekuranz auf eine Analyse der Fitch Deutschland GmbH, die die Ratingagentur auf ihrer Webseite veröffentlichte und zum gleichen Ergebnis wie das GDV-Gutachten kommt. „Auch die Chancen der Firmen auf Ansprüche aus politischen Risikoversicherungen sind gering“, zitiert der Verband Fitch.

Die Ratingagentur spricht in ihrer Betrachtung aber noch weitere indirekte Auswirkungen auf die Versicherungsbranche an. Möglich sei auch, dass vorübergehende Produktionsstopps in der Folge zu mehr Maschinenschäden führten. Einsparungen bei der Heizenergie könnten dazu führen, dass mehr Rohre in Betriebsgebäuden oder Wohnhäusern bersten.

Das Problem einer Mangelversorgung ist nicht über den Risikotransfer an Dritte zu übertragen.

Thomas Hergarten, Leiter der Sparte Sach-/Ertragsausfall-Versicherungen bei der Ecclesia-Tochter Deas

Energieausfall ist nicht versicherbar

Soweit die Darstellung des GDV und der Analysten. Wie aber bewerten Versicherungsmakler, die täglich Firmenkunden betreuen und Risikoanalysen für Unternehmen erstellen, die Situation? Grundsätzlich stimmen sie der Bewertung des Verbands zu, dass eine Betriebsunterbrechungs- oder Ertragsausfallpolice nur leisten muss, wenn ein Sachschaden den Stillstand verursachte.

Thomas Hergarten von der Deas Deutsche Assekuranzmakler GmbH, dem Industrie-Versicherungsmakler der Ecclesia-Gruppe (19.11.2020), sieht im „möglichen Ausfall von Gaslieferungen große Auswirkungen für unsere Kunden“.

Der Leiter der Sparte Sach-/Ertragsausfall-Versicherungen stellt aber klar: „Fällt die Gasversorgung aus, entsteht im Regelfall kein Sachschaden. Das hat zur Folge, dass auch der Ausfallschaden nicht versichert ist.“ Das Problem einer Mangelversorgung sei nicht über den Risikotransfer an Dritte zu übertragen, sondern müsse unternehmerisch oder letztlich politisch gelöst werden.

Alternativen greifen für aktuellen Notfall nicht

Der Deas-Experte spricht aufgrund der aktuellen Situation die „sachschadenunabhängige“ Unterbrechungs-Versicherung, die sogenannte „Non-Damage-Business-Interruption“ (NDBI) (PDF, 2,4 MB) an. Im Interesse der Firmenkunden prüfe man diese Deckungen, aber es gebe viele Hürden zu beachten.

„Zum einen sind die Möglichkeiten dieser Versicherung sehr begrenzt, zum anderen die Selbstbehalte recht hoch, und die Preisvorstellungen der wenigen Anbieter treffen nur in Ausnahmefällen das Interesse der jeweiligen Kunden“, führt Hergarten aus.

Ferner werde – anders als in normalen Versicherungsverträgen – bereits im Vorfeld definiert, welche Leistung beim Eintreten bestimmter, vorher festgelegter Parameter zu erbringen ist. „In der aktuellen Situation wird genau für diesen Sachverhalt daher keine Versicherungsleistung mehr zu erhalten sein, denn niemand hat diese Entwicklung in ihren Ausmaßen vorherdenken können“, erklärt der Experte.

Für den Fall, dass für Einzelverträge individuelle Klausellösungen ohne Sachschadenbezug bestehen, beinhalten diese den Ausschluss der ‚planmäßigen Abschaltung‘.

Marc Nofri, Managing-Director bei MRH Trowe

Keine Deckung in der technischen Versicherung

In der Ertragsausfall-Versicherung werde marktweit eine Deckung infolge Nicht-Zulieferung von Gas (sogenannter Zulieferer-Rückwirkungsschäden aus Energieversorgung) nur auf Basis eines vorangegangenen Sachschadens beim Energiezulieferer geboten. Das betont auch Marc Nofri, Managing-Director bei Mesterheide Rockel Hirz Trowe AG Holding (MRH Trowe) und Leiter „Team of Experts“.

„Für den Fall, dass für Einzelverträge individuelle Klausellösungen ohne Sachschadenbezug bestehen, beinhalten diese den Ausschluss der ‚planmäßigen Abschaltung‘“, ergänzt der Experte. Für die technische Versicherung sei der mögliche zeitliche Selbstbehalt zu betrachten und der liege für die in Frage kommenden Rückwirkungsschäden in der Regel bei fünf Tagen.

Nofri weist für diese Produktgattung auf eine Ausnahme hin: „Bis zur Version TK AMBUB 2011 der Technischen Klauseln des GDV zur Maschinenbruch-Betriebsunterbrechungs-Versicherung bestand eine Deckung über die Klausel TK 4980 für einen sachschadenunabhängigen Ausfall.“ Diese Deckung sei jedoch selten im Markt zu finden und oftmals für Engpassmaschinen oder -anlagen gedacht.

Sachschäden durch Abschaltung werden sich häufen

Zusätzlich weist der Manager ebenfalls auf die bereits erwähnte Analyse von Fitch hin. Firmenkunden dürften nicht nur durch den Produktionsausfall hart getroffen werden, sondern auch durch Versagen der Technik.

Nach der Fitch-Analyse „dürften sich insbesondere im Umfeld der Technischen Versicherung derartige Sachschäden durch Abschaltung von maschinellen Anlagen in diversen Branchen häufen, bis hin zu relevanten Feuerschäden in der Sachversicherung“, führt Nofri aus.

Ukrainekrieg: Viele Kontroversen zwischen Produktgebern und Vermittlern

Die Folgen von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine diskutierten der GDV und Industrie-Versicherungsmakler nicht immer so einmütig wie die Konsequenzen des Gasstopps auf die Wirtschaft.

Gerade die sogenannten Kriegsausschlüsse in Sparten wie etwa Transport oder Ertragsausfall-Versicherung sorgte in den vergangenen Monaten für Kontroversen (9.3.2022). Viel Unmut erregte die gedachte Anwendung der Klausel in der Cyberversicherung. Die Vermittler halten die marktgängigen Ausschlüsse nicht für haltbar (14.3.2022).

Ein weiterer Aspekt in punkto der virtuellen Kriminalität: Der Aufbau einer wirksamen IT-Infrastruktur zur Abwehr von Cyberattacken ist Chefsache. Mängel könnten eine Pflichtverletzung im Sinne der D&O-Versicherung darstellen, so lautete im März ein Argument von MRH Trowe.

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