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Kommentar

Verzicht auf Berufsabfrage beendet leidiges „Berufe-Bingo“

10.9.2019 – Ein neu entwickelter Ansatz der Deutschen Rückversicherung AG soll die Probleme, die mit der starren Abfrage des Berufes in der Arbeitskraftabsicherung verbunden sind, lösen. Formale Berufsbezeichnungen werden tatsächlich nicht mehr abgefragt. Stattdessen gibt es elf Kriterien, zutreffendes soll von den Kunden angekreuzt werden. Dieses neue Verfahren ist die Basis für eine risikogerechte Tarifierung, schreiben Dr. Barbara Ries und Stefan Wittmann, beim Unternehmen als Bereichsleiter tätig, in ihrem Gastbeitrag.

Mit einer Pressemitteilung hat die Zurich Gruppe Deutschland am 24. Juli 2019 das Ende des Berufsgruppenmodells in der Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherung verkündet. Über das neue Modell wurde hier bereits ausführlich berichtet (VersicherungsJournal 7.8.2019, 25.7.2019).

Berufe-Bingo (Bild: Deutsche Rück)
Berufe-Bingo
(Bild: Deutsche Rück)

So hat die Zurich angekündigt, statt des Berufsgruppenmodells künftig die finale Versicherungsprämie mittels eines Scoring-Modells anhand von 13 Kategorien zu ermitteln. Dafür müssen ergänzende Angaben zur beruflichen Qualifikation, zum Anteil der körperlichen Tätigkeit, zur Leitungsverantwortung und zum Berufsstatus beim Kunden abgefragt werden.

Starre Berufsgruppensystematik und …

Neuerungen im Bereich der Berufssystematik umzusetzen, ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Die Nachteile, die starre Berufsbezeichnungen im Antragsprozess haben, sind Versicherungsvermittlern bekannt. Die Auswirkungen sind für Vermittler und Kunden gleichermaßen komplex und unangenehm:

  • Die Risikoprofile gleicher Berufsbezeichnungen können sehr unterschiedlich sein. Beispielsweise kann eine Verkäuferin körperlich arbeiten, indem sie Regale einräumt, Kisten leert und stapelt und regelmäßig schwer heben muss. Sie kann aber auch dauerhaft sehr wenig körperlich belastet sein, wenn sie zum Beispiel Luxusgüter verkauft und Kunden berät. Eine Krankenschwester kann im Nachtdienst tätig sein, häufig schwere Patienten heben und Zugänge legen; oder aber sie hat geregelte Tagesarbeitszeiten und ist eher mit Verbandswechsel, Medikamentenausgabe oder Personaleinteilung beschäftigt.
  • Die Berufsbilder verändern sich insbesondere durch den technologischen Fortschritt. Viele vormals schwere Arbeitsschritte werden mittlerweile von Maschinen übernommen. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen.
  • Die eindeutige und passende Berufsbezeichnung im Antragsprozess zu finden, ist oftmals gar nicht so einfach, wie das Beispiel des Feinmechanikers zeigt (Abb. 1). Die Bezeichnung „Berufe-Bingo“ hat in diesem Zusammenhang branchenweit traurige Berühmtheit erlangt.
  • Die eingesetzten Berufslisten müssen permanent aktualisiert werden, da laufend alte Berufe wegfallen und neue hinzukommen. Hierbei hinkt der Versicherer der Entwicklung zwangsläufig hinterher, da sich die neuen Berufsbilder immer erst etablieren müssen.

… schwierige Interpretationsspielräume

Die Beratung und Vermittlung werden dadurch zunehmend erschwert:

  • Vom Tätigkeitsprofil nahezu identische Berufe führen aufgrund unterschiedlicher Bezeichnungen zu unterschiedlichen Prämien. Bei der immer weiterwachsenden Vielfalt an Berufen fällt es nicht immer leicht, hier den Überblick zu behalten.
  • Bei der Verwendung interpretationsfähiger Kriterien müssen Vermittler und Kunde darüber nachdenken und entscheiden, wie exakt beispielsweise der Anteil der körperlichen Tätigkeit beziffert werden muss. Sind es nun 50 Prozent oder vielleicht doch eher 40 Prozent? Im Jahresdurchschnitt oder täglich betrachtet?
  • Es wird vermutlich immer Randberufe geben, die sich auch über einen längeren Zeitraum aufgrund ihrer Seltenheit nicht genug etablieren und somit auch auf keiner Liste zu finden sein werden. Damit sind Vermittler und Kunde wieder beim „Berufe-Bingo“ angelangt.

Elf Kriterien statt starrer Berufsbezeichnungen

Barbara Ries (Bild: Deutsche Rück)
Barbara Ries (Bild: Deutsche Rück)

Die Deutsche Rückversicherung AG hat deshalb einen Ansatz entwickelt, mit dem sich die angesprochenen Problemfelder der starren Berufsbezeichnung lösen lassen. Bei diesem Ansatz wird der Beruf tatsächlich nicht mehr abgefragt und ist auch für die Tarifierung nicht länger relevant. Stattdessen gibt es elf Kriterien, von denen der Kunde diejenigen ankreuzt, die auf seine Tätigkeit zutreffen.

Beispielsweise wird danach gefragt, ob der Kunde in Zwangshaltungen arbeitet (kniend, hockend, liegend, gebeugt, über dem Kopf). Er muss ebenfalls beantworten, ob er feinmotorisch tätig ist oder unter Einsatz seiner Muskelkraft arbeitet und mehr als einmal pro Woche schwere Gewichte bewegt.

Zudem werden Kriterien abgefragt, die die psychische Belastung einer Tätigkeit beschreiben, wie zum Beispiel ein erhöhter Lärmpegel. Dies erscheint wichtig, da in der Vergangenheit der Anteil psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung im Allgemeinen und als Berufsunfähigkeits-Ursache im Speziellen zugenommen hat und eine weitere Erhöhung des Anteils zu erwarten ist (7.6.2019, 25.4.2019).

Somit richten wir unseren Fokus mit den gewählten Kriterien auch auf die Leistungsauslöser von morgen. Hingegen haben wir beispielsweise auf die Frage nach Führungsverantwortung bewusst verzichtet, da Führungsverantwortung zwar motivieren, aber auch belasten kann und somit die Auswirkung auf die Berufsunfähigkeits-Wahrscheinlichkeit nicht eindeutig bestimmbar ist.

Übersetzung in Berufsklassensystematik

Stefan Wittmann (Bild: Deutsche Rück)
Stefan Wittmann (Bild: Deutsche Rück)

Nach der Beantwortung kommt im Hintergrund ein Punktesystem zur Anwendung, das in eine Berufsklassensystematik übersetzt wird. Die Grenzziehung und die Anzahl der Berufsklassen können individuell auf den Versicherer und seine Underwriting-Philosophie zugeschnitten werden.

Die Kriterien erfassen Risikofaktoren wie zum Beispiel eine erhöhte Unfallgefahr, erhöhte Stressbelastung oder der schnellere Verlust einer benötigten Fähigkeit. Sie ermöglichen dadurch eine risikogerechte Tarifierung. Auch Kunden in bisher eher stigmatisierten Berufen – wie der bereits erwähnten Verkäuferin – können auf diese Weise bei einer weniger belastenden Tätigkeit attraktive Prämien angeboten werden.

Die Gefahr einer negativen Risikoauslese besteht mit unserem Modell nicht. Die realen Berufsrisiken werden weiterhin adäquat erfasst und in unserem aktuariellen Modell passend bewertet.

Dem leidigen „Berufe-Bingo“ wird ein Ende gesetzt, da gar keine formale Berufsbezeichnung mehr abgefragt wird. Dementsprechend entfallen auch die Pflege einer Berufsliste und die Suche nach Randberufen.

Nachteile für Vermittler und Kunden beseitigt

Der Schritt der Zurich ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und öffnet bei Kunden und Vermittlern die Perspektive für weitere Innovationen. Die Deutsche Rück geht mit ihrem neuen Modell noch weiter und verzichtet komplett auf die Berufsabfrage.

Damit werden wichtige Nachteile für Vermittler und Kunden konsequent beseitigt. Wie das Beispiel der Verkäuferin zeigt, wird damit auch der Stigmatisierung einzelner Berufe ein Ende gesetzt. Vermittlern und Kunden wird auf diese Weise der Abschluss einer Berufsunfähigkeits-Versicherung deutlich erleichtert.

Dr. Barbara Ries, Stefan Wittmann

Die Autoren arbeiten bei der Deutschen Rückversicherung AG. Ries ist Bereichsleiterin Leben/Kranken Markt- und Produktmanagement, Wittmann Bereichsleiter Leben/Kranken Kundenservices.

Gastautor

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