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Grün unter Vorbehalt

24.6.2022 – Ab 2. August ändern sich für Versicherer und Vermittler die Pflichten und Wohlverhaltensregeln im Verkauf im Hinblick auf Nachhaltigkeit. In der Branche gibt es zwar viel Engagement, doch auch eine Reihe offener Fragen.

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„2023 wird es sich eingespielt haben, aber das dritte und vierte Quartal werden herausfordernd“, sagte Roland Räcker von der Concordia Oeco Lebensversicherungs-AG beim „2. Kongress der Branchen-Initiative Nachhaltigkeit in der Lebensversicherung“.

Ein Großteil der Vermittler, aber auch viele Kunden seien im Hinblick auf Nachhaltigkeit noch nicht so weit, wie manche in der Branche meinten, sagte der Fachverantwortliche für Nachhaltigkeit der Concordia.

Transparenz

Seiner Erfahrung nach ließen sich Kunden nur mit Glaubwürdigkeit gewinnen – das bedeute, eine transparente Auswahl der Kapitalanlagen. Seit der Fusion 2014 von Oeco Capital und Concordia zur Concordia Leben werden die beiden Sicherungsvermögen getrennt geführt.

Zum 1. Juli führt die Concordia bereits eine Software ein, mit der die ab dem 2. August geforderte Abfrage nachhaltiger Präferenzen (VersicherungsJournal 2.5.2022, 28.4.2022) umgesetzt wird.

Dem Gesetz zufolge kann der Kunde künftig festlegen, welchen Mindestanteil an Investitionen er gemäß Offenlegungs-Verordnung wünscht, wie hoch die Investitionen mit Umweltbezug und welche Prozentsätze nachhaltige negative Auswirkung (PAI) erreicht werden dürfen.

„Für viele Fonds liegen die Quoten noch gar nicht vor“, sagte Räcker. Aber selbst, wenn es Quoten gäbe, müsste auch ein passendes Angebot für die Nachfrage da sein.

Nur mit Einschränkungen

Christian Eck berichtete, dass es bisher kaum oder nur verhalten Klassifizierungen für „Artikel-8-Produkte“ – also Anlageprodukte, die mit ökologischen und/oder sozialen Merkmalen beworben werden – gebe. Eck ist Head of Insurance Equity and Sustainable Solutions bei der BNP Paribas S.A. und engagiert sich in verschiedenen Arbeitsgruppen der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV).

Oft würden dabei Disclaimer wie „gilt nur für Neugeschäft“, „nur unter Vorbehalt“ oder „keine Zusicherung“ verwendet, so Eck.

Dr. Alexander Kling von der Gesellschaft für Finanz- und Aktuarwissenschaften mbH (Ifa) zeigte, dass die Herstellung einer vom Kunden gewünschten Nachhaltigkeitsquote in der Rentenbezugsphase schwierig sein kann.

Mehr Ersatz- als Neuinvestition

Herbert Schneidemann (Bild: die Bayerische)
Herbert Schneidemann (Bild: die Bayerische)

Er warf Fragen auf, wie diese Quoten beispielsweise bei Wertschwankungen von Fonds oder unterschiedlichen Nachhaltigkeitsniveau von Indizes und Sichervermögen realisiert werden können. Auch sei offen, ob die Quoten über die gesamte Bezugsphase oder nur zum Zeitpunkt einer Ausschüttung einzuhalten seien.

Viele Versicherer seien im Hinblick auf noch fehlende rechtliche Bedingungen zurückhaltend beim Thema Nachhaltigkeit. „Wild West“ werde angesichts des Risikos, in den Verdacht von Greenwashing zu geraten, bewusst vermieden.

Diese Gefahr behindere auch die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft, sagte Dr. Herbert Schneidemann in seiner Eigenschaft als DAV-Vorstandsvorsitzender.

Investoren müssten stärker darauf hinwirken, dass die „braune“ Industrie grüner werde, als zusätzliche Windräder zu finanzieren, so Schneidemann, im Hauptberuf Vorstandschef der Bayerische Beamten Lebensversicherung a.G.

Aktuare positionieren sich zur Nachhaltigkeit

Diese Einschätzung deckt sich auch mit Zahlen von Thomas Mog vom Green and Sustainable Finance Cluster Germany e.V. (GSFC): Um das von der letzten Bundesregierung gesetzte Ziel der Klimaneutralität bis 2045 bedarf es sechs Billiarden Euro Investitionen in Deutschland. Davon seien allein fünf Billiarden für den Ersatz bestehender Anlagen mit „intelligenter grüner“ Technik.

Schneidemann berichtete, dass fast alle Arbeits- und Unterarbeitsgruppen der DAV einen Themenschwerpunkt Nachhaltigkeit hätten. Derzeit arbeite die berufsständische Organisation an einer Positionierung zur Nachhaltigkeit.

Seit Februar 2021 gibt es eine Koordinationsgruppe „Sustainability“ unterhalb der Arbeitsgruppe Enterprise Risk Management. Dieser gehören auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (Bafin) an.

„Wir brauchen aber noch weitere Aktuare zur Verstärkung“, warb Schneidemann. In der Branche werde das Thema auch genutzt, um Produkte neu zu gestalten.

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