25.3.2026 – Monatlich 200 Euro sollen die bislang kostenlos mitversicherten Familienmitglieder im Erwerbsalter zukünftig an die Krankenkassen zahlen, plant die Bundesregierung laut einem Medienbericht. Laut Ökonomen könnte das zwar zusätzliche Arbeitsanreize für den zweiten Partner schaffen. Doch die Körperschaften leiden vor allem darunter, dass ihre Ausgaben immer weiter steigen.

- Nina Warken (Bild: Tobias Koch)
Der von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigte „Herbst der Reformen“ (VersicherungsJournal 9.10.2025) könnte in diesem Jahr Realität werden. Neben der Reform der Altersvorsorge (17.3.2026) steht auch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) auf dem Prüfstand.
Sparvorschläge für das chronisch unterfinanzierte System will Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in der kommenden Woche vorstellen. Um das Finanzloch in zweistelliger Milliardenhöhe zu füllen, sind unter anderem höhere Zuzahlungen und Praxisgebühren im Gespräch (31.10.2025).
Wie berichtet, steht auch die bislang beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern womöglich vor dem Aus (Medienspiegel 23.3.2026). Laut dem „Handelsblatt“ soll den Plänen zufolge künftig ein Beitrag von 200 Euro monatlich an die Kranken- und von 25 Euro an die Pflegeversicherung gehen.
Mehreinnahmen decken 1,9 Prozent der Leistungsausgaben
Ausnahmen soll es demnach für Personen mit Kindern unter sechs Jahren oder pflegebedürftigen Angehörigen geben. Auch für die mitversicherten Kinder der 58,7 Millionen GKV-Mitglieder soll sich demnach nichts ändern.
Insgesamt verzeichnen die 93 GKV-Anbieter hierzulande 74,4 Millionen gesetzlich Krankenversicherte, von denen 15,7 Millionen beitragsfrei abgedeckt sind. Dies sind neben Kindern auch rund 2,5 Millionen Ehegatten oder Lebenspartner.
Wenn Letztere jeweils 200 Euro pro Monat in die Krankenkassen zahlen müssten, kämen rechnerisch sechs Milliarden Euro pro Jahr zusammen. Das entspricht gerade einmal rund 1,9 Prozent der Leistungsausgaben im Jahr 2024.
Anreiz zu mehr sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung

- Jochen Pimpertz (Bild: IW)
Die neue Einnahmequelle löse somit kein Ausgabenproblem, betont Dr. Jochen Pimpertz, Leiter Themencluster Staat, Steuern und Soziale Sicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW). Allerdings sei der Reformvorschlag „arbeitsmarktpolitisch sinnvoll“.
Von der bisherigen Regelung profitierten vor allem klassische Ein-Verdiener-Ehen. „Für den zweiten Partner lohnt sich der Einstieg in den Job oft nicht, wenn er von seinem Lohn auch eigene Krankenkassenbeiträge zahlen muss“, erklärt Pimpertz.
„Die Neuregelung könnte einen Anreiz setzen, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufzunehmen – angesichts der Überalterung ein richtiger Schritt.“
Voraussetzung hierfür sei aber, dass die Betreuung der Kinder auch am Nachmittag gesichert ist.
Finanzierungsproblem der gesetzlichen Krankenversicherung
Das höhere Engagement beider Elternteile am Arbeitsmarkt bringe der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung zwar zunächst Mehreinnahmen. „Doch das Finanzierungsproblem der Kassen liegt nicht auf der Einnahmenseite“, mahnt der promovierte Volkswirt.
„Die Ausgaben der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung steigen seit Jahren deutlich stärker als die Einnahmen aus sozialversicherungspflichtigen Einkommen.“ Während die Einnahmen seit 2000 um rund 90 Prozent stiegen, verdoppelten sich die Ausgaben mit einem Plus von 136 Prozent.
„Mit der Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung kann die Bundesregierung lediglich etwas Zeit gewinnen, um das Ausgabenproblem zu lösen“, so Pimpertz. „Denn letztlich führt kein Weg daran vorbei, das Ausgabenwachstum zu bremsen, um eine nachhaltige Finanzierung zu sichern.“
„Mutiges und umfassendes Paket an Struktur- und Sparmaßnahmen“

- Oliver Blatt (Bild: GKV-Spitzenverband)
Diese Ansicht teilt der IW-Ökonom mit Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband). In einem aktuellen Gespräch mit „Bild“ betont er, wie wichtig jetzt grundlegende Reformen seien.
„Stoßen Sie jetzt entschlossen die notwendigen Veränderungen an und setzen diese dann mit starkem Rückgrat durch“, zitiert ihn die Zeitung mit einem Appell an die Bundesregierung. „Die Krankenkassen geben heute jeden Tag über eine Milliarde Euro für die Versorgung der 75 Millionen GKV-versicherten Bürgerinnen und Bürger aus. Das ist verdammt viel Geld, das muss reichen.“
Um die gesetzliche Krankenversicherung insgesamt wieder stabil aufzustellen, fordert Blatt dem Bericht zufolge „ein mutiges und umfassendes Paket an Struktur- und Sparmaßnahmen“.
Die GKV hat ein Ausgaben- und kein Einnahmenproblem
Als Ursache der Finanznot vieler Krankenkassen benennt Blatt massive Ausgabensteigerungen. „Allein im letzten Jahr sind die Krankenhausausgaben um fast zehn Prozent gestiegen, die Ausgaben für Ärzte um fast acht Prozent und die für Medikamente um rund sechs Prozent“, sagte er zu Bild.
Dies könne nicht durch weitere Beitragserhöhungen aufgefangen werden, so der Verbandschef weiter. Deshalb sei ein grundlegendes Umdenken im System notwendig. Man dürfe nämlich nicht nur auf dem Rücken der Patienten sparen.
„Ärzte- und Krankenhausvertreter waren in den letzten Monaten schnell dabei, höhere Zuzahlungen, Eintrittsgeld für Arztpraxen oder Leistungskürzungen für Patienten zu fordern“, kritisiert er. „Wenn überhaupt, dann sind Belastungen der Patienten das letzte Mittel und nicht das erste.“



