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Brüssel plant weitere Regulierung des Versicherungsvertriebs

5.10.2020 – Die geltenden Regeln zu Interessenkonflikten und Offenlegung werden einer Bewertung unterzogen. Denkbar ist auch die Einführung einer Zertifizierungspflicht und eines „Labels“ für Finanzberater. Das geht aus dem Aktionsplan der EU-Kommission für die Kapitalmarktunion hervor. Defizite sieht die Behörde bei Informationsdokumenten. Hier soll ein Abbau von Überinformation, Komplexität und Bürokratie geprüft werden.

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Die EU-Kommission hat kürzlich ihren Aktionsplan für die „Kapitalmarktunion“ vorgestellt. Die Maßnahmenpalette, die die Brüsseler Behörde zu Papier gebracht hat, ist breit.

Sie berührt aus Sicht der Versicherungsbranche unter anderem die Themen Veranlagung und Aufsicht, Vorsorge und Finanzwissen.

Derzeitige Unterlagen oft „keine ideale Grundlage“

Speziell für den Vertrieb relevant erscheint „Maßnahme 8“. Dort wird zunächst der Grundsatz bekräftigt, dass Kleinanleger „angemessen vor der Komplexität des Finanzsystems geschützt werden“ sollten.

Wohl gebe es in den EU-Vorschriften bereits Schutzmechanismen für Anleger, etwa zur Veröffentlichung von Produktinformationen. „Die nach den verschiedenen Vorschriften vorzulegenden Unterlagen werden jedoch oft als lang, komplex, schwer verständlich, irreführend und widersprüchlich empfunden und sind somit keine ideale Grundlage für die Investitions-Entscheidungen von Kleinanlegern.“

Gleichzeitig, so ist weiter zu lesen, „können diese Unterlagen ein Überangebot an Informationen für erfahrene Anleger enthalten, die diese Informationen und Schutzmechanismen möglicherweise nicht in demselben Maß benötigen wie unerfahrene Anleger“.

Für Finanzdienstleister sei die Erstellung dieser Unterlagen zudem oft unnötig aufwendig. „Darüber hinaus könnten die Anreize der Produkthersteller für die Vertreiber zu Interessenkonflikten führen, die die Qualität und Objektivität der Finanzberater trotz der bestehenden Schutzmechanismen beeinträchtigen.“

Finanzberater in „entscheidender Rolle“

Finanzberatern schreibt der Aktionsplan im Finanzsystem eine „entscheidende Rolle“ als „Gatekeeper“ zu. Die Voraussetzungen in Bezug auf ihre Qualifikationen, Kenntnisse und Fähigkeiten seien in den einzelnen Mitgliedsstaaten aber „noch immer ganz unterschiedlich“.

Um das Risiko unlauterer Verkaufspraktiken zu verringern, das Vertrauen von Kleinanlegern in die Beratung zu erhöhen und für faire Wettbewerbsbedingungen im Beratermarkt zu sorgen, „sollten bestimmte Standards für die berufliche Praxis der Berater festgelegt beziehungsweise weiter verbessert werden“, folgert die Kommission. Daraus leitet sie drei Maßnahmen ab.

Interessenkonflikte und Offenlegung auf dem Prüfstand

Erstens wird sie bis zum ersten Quartal 2022 die geltenden Vorschriften „im Bereich der Anreize und der Offenlegung“ einer Bewertung unterziehen. Für den Vertrieb werden unter anderem „mögliche Maßnahmen erwogen, um

die in der IDD enthaltenen Anlegerschutz-Vorschriften an die im Rahmen der Mifid II geltenden Standards anzugleichen;die Vertreibenden zur Kundeninformation über die Existenz von Produkten Dritter anzuhalten;Anreize den Kunden gegenüber transparenter zu machen undspezielle Meldepflichten für die Vertreiber von Kleinanlegerprodukten einzuführen, um eine aufsichtliche Kontrolle zu ermöglichen“.

Was die Offenlegung angeht, liegt besonderes Augenmerk auf einer „besseren Einbindung der Verbraucher“ sowie der „digitalen Bereitstellung und Interaktion mit Schlüsselinformationen, die Vergleiche, Interaktion und kundenspezifische Anpassungen ermöglichen“.

Wenn nötig, Gesetzesvorschläge

Im Anschluss an die Bewertung werde man erforderlichenfalls Gesetzesänderungen vorschlagen, damit Kleinanleger eine „faire Beratung sowie klare und vergleichbare Produktinformationen“ erhalten.

Genauer gesagt, „um etwaige Interessenkonflikte, die aus der Zahlung von Anreizen an Vertreibende erwachsen, sowie Schwachstellen im derzeitigen Offenlegungsrahmen anzugehen und namentlich eine bessere Angleichung zwischen IDD, Mifid II und PRIIP zu erreichen“.

Weniger Bürokratie für Finanzdienstleister

Maßnahme zwei unter diesem Punkt betrifft die Finanzmarktrichtlinie Mifid II: Bis Ende 2021, Anfang 2022 will die Kommission einen Vorschlag zu deren Änderung auf den Tisch legen.

Ziel ist, den „Bürokratieaufwand“ für Unternehmen zu verringern und „Entlastungen bei unnötigen Schutz- und Informations-Anforderungen“ für bestimmte Anleger zu schaffen, die derzeit als Kleinanleger gelten, bei Finanzmärkten und -produkten aber „durchaus bewandert“ sind.

Die derzeitige Anlegerkategorisierung soll überprüft werden, ebenso auch die Einführung einer neuen Kategorie „qualifizierte Anleger“.

Zertifizierungspflicht und EU-weites Label für Finanzberater angedacht

Dritte Maßnahme: Wenn die Folgenabschätzung im Zusammenhang mit der bis zum ersten Quartal 2023 anstehenden Überarbeitung der IDD und der bis zum vierten Quartal 2021 anstehenden Überarbeitung der Mifid II dafür spricht, will die Kommission eine „Zertifizierungspflicht für Finanzberater“ einführen.

Mit dem entsprechenden Zertifikat können Berater dann nachweisen, dass sie über die erforderlichen Kenntnisse und Qualifikationen verfügen und sich regelmäßig fortbilden. „Damit soll ein zufriedenstellendes Leistungsniveau bei Finanzberatern aufrechterhalten werden.“

Bis zum ersten Quartal 2022 will die Kommission zudem prüfen, ob ein „EU-weites Label“ für Finanzberater eingeführt werden könnte, mit dem der Zertifizierungspflicht Genüge getan werden könnte.

Branchenverband fordert „ganzheitliche“ Herangehensweise

Michaela Koller (Bild: Insurance Europe)
Michaela Koller (Bild: Insurance Europe)

Michaela Koller zeigte sich in ihrer Eigenschaft als Generaldirektorin des europäischen Versicherer-Verband Insurance Europe erfreut darüber, dass die Kommission untersuchen will, wie das Engagement der Konsumenten und die Interaktion zwischen Kunden, Vermittlern und Anbietern verbessert werden kann.

Es sei aber entscheidend, „dass die Kommission einen ganzheitlichen Zugang wählt“, wenn sie die bereits geltenden Offenlegungs-Anforderungen im Hinblick auf „die derzeitige Überlastung der Konsumenten“ überprüft.

Was den Vertrieb betrifft, bekräftige die Versicherungsindustrie die Notwendigkeit, die „Vorteile maßgeschneiderter Wohlverhaltensregeln“ anzuerkennen.

Koller: Regeln müssen für Berater durchführbar sein

Soll heißen: Die Teilnahme der Konsumenten an der Kapitalmarktunion werde sich nur durch eine Regulierung vergrößern, die den Besonderheiten von Versicherungsprodukten und bestehenden Versicherungsvertriebs-Systemen Rechnung trägt.

„Beratungs- und Provisionsvorschriften zum Beispiel müssen für kleinere, lokale Vertreiber, die Endkunden – welche anderenfalls ausgeschlossen sein könnten – Zugang zur Kapitalmarktunion geben, praktikabel sein“, so Koller.

Zum Herunterladen

Die Mitteilung „Eine Kapitalmarktunion für die Menschen und Unternehmen – neuer Aktionsplan“ kann als PDF-Dokument (623 KB) von der Website der EU-Kommission heruntergeladen werden.

Der Anhang, der die Maßnahmen weiter ausführt und den vorläufigen Zeitplan enthält, ist ebenfalls als PDF-Dokument (771 KB) abrufbar.

Allgemeine Informationen zur Kapitalmarktunion sind bei der Kommission unter diesem Link (nur englisch) erhältlich.

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